Bericht auf Zentralplus

Bericht auf Zentralplus über die Rigischule

Link zum Artikel von Valeria Wieser:

 https://www.zentralplus.ch/die-rigikinder-werden-vor-allem-im-wald-unterrichtet-1630539/

 

Die Rigikinder werden vor allem im Wald unterrichtet

 Auf der Rigi gibt es seit kurzem eine Schule. Der Unterricht findet vorwiegend in der Natur statt. Und mit dieser arbeitet man dicht zusammen. Liegt Schnee, wird das geplante Programm auch mal in den Wind geschossen. Trotzdem hält man sich an die Lernziele des Lehrplans 21.

Janosch nimmt Anlauf, hüpft, landet, pflaaatsch, mitten in der tiefen Pfütze. Moira tut es ihm gleich, dann Emily und Linda.

Dass es nur gerade 8 Grad warm ist und in Strömen regnet, scheint dem Planschspass überhaupt keinen Abbruch zu tun. Gut eingepackt, in Gummistiefeln, Regenhosen, dicken Jacken und Mützen, scheinen sie die Kälte überhaupt nicht zu spüren, während die Kinder der Rigi-Schule am Dorfplatz Kaltbad gemeinsam mit Jana Mumenthaler auf meine Ankunft warten. Jedes Kind trägt einen Rucksack.

Vier Kinder zwischen vier und fünf Jahren unterrichtet die Basisstufenlehrerin seit August hier oben auf knapp 1500 Metern. «Im Moment sind also alle im Kindergartenalter», sagt Mumenthaler.

Nach fast 20 Jahren wird wieder unterrichtet auf der Rigi

19 Jahre lang gab es keine Schule auf der Rigi, auf Initiative einiger Eltern wurde diesen Sommer eine neue Privatschule gegründet. Obwohl diese vom Kanton bewilligt ist und nach Lehrplan 21 unterrichtet, läuft hier einiges anders, als man es aus normalen Schulen gewohnt ist. Nicht zuletzt, da es auf der Rigi kein eigentliches Schulhaus gibt. Der Unterricht findet darum vorwiegend draussen im Wald statt.

So auch an diesem garstigen Tag. Auf also in Richtung Waldplatz. Im Kindertempo, versteht sich. Da werden Hagebutten bewundert und gekostet, dort Spitzwegerich gesucht, weil Linda an der Hand eine kleine Wunde hat und sich Linderung verschaffen will. Janosch erklettert einen Baumstrunk. «Dieser Weg dauert jeweils etwas länger», erklärt die 25-jährige Lehrerin belustigt.

Am morgen haben die Kinder einigen Rigibewohnern geholfen, das Biotop zu putzen. «Da haben wir einen Haufen gebaut für die Ringelnatter», erzählt Linda begeistert, während wir vom Strässchen abbiegen auf einen schmalen Waldweg, der bergauf führt. Sie mustert mich und fragt: «Warum hast du keine Regenhosen?» Es ist eine sehr gute Frage.

Mathe mit Tannenzapfen und Vogelbeeren

Scheu sind sie nicht, die Kinder. Kein Wunder, handelt es sich doch um Sprösslinge von Beizern, die ganzjährig auf der Rigi wirten. Der Kontakt zu Auswärtigen verunsichert sie nicht.

Beim Waldplatz angekommen, setzt sich die Klasse auf eine grosse gelbe Decke unter einer grossen Blache. Schwere Tropfen fallen darauf, während Mumenthaler die eigentliche Lektion beginnt. Die Kinder müssen Gegenstände aus dem Wald durch Tasten erkennen. Tannenzapfen, Haselnüsse, Buchennüsse, Tannenzweige.

Später legt Jana Mumenthaler einfache Reihenfolgen aufs Tuch: Tannenzapfen – Vogelbeere – Haselnuss – Tannenzapfen – Vogelbeere, «was kommt als nächstes?», fragt sie.

Konzentration trotz Käfern

Die Kinder hören aufmerksam zu. Erstaunlich aufmerksam, dafür dass gerade der Wind durch die Bäume rauscht, ein Käfer übers gelbe Tuch krabbelt und es im Wald draussen eine Menge zu sehen gibt. Sie beginnen zu zweit, eigene Reihenfolgen zu legen und zu ergänzen, arbeiten konzentriert.

«Ich habe schon immer gern spontan unterrichtet», sagt Mumenthaler. «Etwa als wir letzthin Holzstöcke geschnitzt haben. Linda entdeckte dabei einen L-förmigen Ast und wir begannen, weitere Äste zu suchen, welche die Form von Buchstaben haben.» Plötzlich also wurde die Werk- zur Deutschlektion. «Und gestern morgen lag zum ersten Mal Schnee. Deshalb verwarf ich kurzerhand das geplante Programm, um mit den Kindern schlitteln zu gehen.»

500 Franken Schulgeld zahlen die Kinder der Rigischule monatlich. Das sei wenig, findet Mumenthaler. Insbesondere, da es sich um eine Privatschule handelt und man von der Gemeinde Weggis, zu der Kaltbad gehört, kein Geld erhalte. «Das geht nur auf, weil wir viele Gönner haben und Spenden erhalten und weil die Eltern sehr engagiert sind.»

Das Zmittag kommt vom Hotel

So koche eine Mutter zweimal die Woche für die Kinder und bringe das Essen mittags vorbei. «Normalerweise essen wir draussen, heute aber waren wir zum ersten Mal in der Jurte, die uns zur Verfügung steht», sagt Mumenthaler. Wenn es ausserdem stürme und zu gefährlich sei im Wald, darf die Klasse den Unterricht in einen der Werkhofräume verlegen. «Dort hat es ausserdem ein Klavier, mit dem wir Rhythmik üben können.»

Auch Schwimmen steht bald auf dem Unterrichtsplan. «Ein Elternpaar führt das Hotel Kaltbad, weshalb wir das Schwimmbad künftig zu den Zeiten nutzen dürfen, an denen es für die Öffentlichkeit noch zu ist.»

Gerade ältere Menschen würden sich freuen, dass die Rigischule nach fast zwanzig Jahren wieder ins Leben gerufen wurde. Damals schloss sie, weil es zu wenige Schulkinder gab. Doch sei es für die Kinder ein grosser Vorteil, wenn sie gleich auf dem Berg unterrichtet werden. «Der Schulweg nach Vitznau oder Weggis dauert mindestens 40 Minuten», so die Primarlehrerin.

Von 24 auf 4 Schulkinder

Mumenthaler hatte in den letzten fünf Jahren im Schulhaus Steinhof in der Stadt bereits Mischklassen unterrichtet und ist die Arbeit mit unterschiedlich alten Kindern daher gewohnt.

Dennoch unterscheidet sich der Unterricht auf der Rigi stark von jenem in ihrem früheren Schulhaus. «Bis letzten Sommer habe ich in Klassen mit etwa 24 Kindern gearbeitet, das war sehr laut. Obwohl es körperlich anstrengender ist, in der Natur zu lehren, bin ich abends viel ausgeglichener», sagt Mumenthaler. Um sich adäquat auf diese Art Unterricht vorzubereiten, absolviert die 25-Jährige derzeit einen Weiterbildungskurs in Waldpädagogik.

«Ich habe mir im Voraus überlegt, welche Themen man nicht in der Natur unterrichten kann. Es sind im Prinzip nur jene, welche den Einsatz von Medien erfordern», so die Luzernerin. «Diese Themen können wir im Winter jedoch im Werkhof erarbeiten.»

Zum Schreiben in die Jurte

Gehe es später darum, dass einige der Kinder Lesen und Schreiben üben müssen, könne man den Unterricht auch aufteilen. «Etwa, indem einige Schüler in der Jurte arbeiten, während die anderen draussen sind.»

Für Mumenthaler ist klar: «Die Kinder müssen jederzeit Anschluss haben, wenn sie die Schule wechseln.» Denn das wird irgendwann zweifellos der Fall sein. Ab der dritten Klasse nämlich müssen die Schüler die Schulbank im Tal unten drücken.

 


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